Der Senat begründet die geplante Schließung der Praxisausbildungsstätten (PAS) vor allem mit neuen Bildungsplänen und fachlichen Notwendigkeiten. Doch diese Darstellung steht zunehmend in Frage.

Erstmals kommen nun ausgewiesene Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis zu Wort – und zeichnen ein anderes Bild. Ihre Einschätzungen machen deutlich: Die Entscheidung ist fachlich keineswegs unumstritten, sondern widerspricht in zentralen Punkten dem, was in der Frühpädagogik als gesicherte Erkenntnis gilt.

Wir beginnen an dieser Stelle, diese Perspektiven sichtbar zu machen. Wie bewerten erfahrene Expert:innen die geplanten Veränderungen – jenseits politischer Linien, auf Grundlage von Erfahrung, Forschung und professioneller Praxis? Die Sammlung wird fortlaufend ergänzt.

Den Auftakt machen Prof. h.c. Dr. h.c. Armin Krenz sowie die ausgewiesene Fachautorin Dipl. Soz.-Päd. Anja Cantzler. Beide haben sich unabhängig voneinander zur Situation geäußert. Ihre Einschätzungen veröffentlichen wir hier mit freundlicher Genehmigung vollständig.

Armin Krenz: „Massive Fehlentscheidung der Stadt Hamburg“

Prof. h.c. Dr. h.c. Armin Krenz, ehemaliger Honorarprofessor für Elementarpädagogik & Entwicklungspsychologie

Als alarmierend bezeichnet die stellvertretende Vorsitzende der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) Christine Behle die Zahlen, die im „Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme“ veröffentlicht wurden. Die Zahlen zeigen deutlich, wie die Qualifikationen des Personals in Kindertageseinrichtungen sinken. Und in der ARD-Mediathek (06.10.2025) heißt es: „Und so ist die Lage in Hamburg: Von ausreichend Personal in der frühkindlichen Bildung mag in Hamburg kaum eine Fachkraft sprechen.“ Selbst „nur“ die Betreuung (ohne Bildung) ist bei der Personaldecke nicht immer vollumfänglich möglich.

Dabei prägen folgende Fakten die aktuelle Situation:

  • Fachkräftemangel: Schätzungsweise fehlen in den 1133 Kitas in Hamburg knapp 4.000 Fachkräfte, was den Betreuungsalltag erschwert.
  • Dazu kommen eine zunehmende Arbeitsbelastung: Viele Fachkräfte fühlen sich durch Personalmangel und hohen Betreuungsdruck (oft 1-2 Kräfte für 25 Kinder) überlastet, was wiederum Folgen für die Gesundheit hat: Ein hohes Burn-out-Risiko führt zu einer Fokussierung auf Achtsamkeit und Selbstfürsorge, oft unterstützt durch Trainings und gleichzeitig werden Kita-Schließungen vorgenommen: Trotz eines Mangels müssen Kitas schließen, zum Beispiel Standorte des Trägers Elbkinder oder des DRK.

Gleichzeitig berichtet der NDR Hamburg (09.02.2026): Hamburg schließt Kitas der beruflichen Fachschulen für Sozialpädagogik. In Hamburg stehen die Kindertagesstätten der beruflichen Fachschulen für Sozialpädagogik vor dem Aus. Wie das Hamburger Institut für berufliche Bildung mitteilte, werden die vier Praxisausbildungsstätten in nächster Zeit schließen.

Für die Kinder bedeutet die Nachricht den Verlust ihrer vertrauten Erzieherinnen und Erzieher. Für die Eltern beginnt die Suche nach einer neuen Kita. Begründet wird die Schließung unter anderem mit veränderten Bildungsplänen, mit weniger Anmeldungen und mit baulichen Mängeln in den Einrichtungen. In diesen Kitas erhalten die Berufsschülerinnen und -Schüler ihre praktische Ausbildung. Damit beendet Hamburg ein bundesweit einmaliges Ausbildungsmodell, das es seit den 1960er Jahren gibt.

Die Gewerkschaft fürchtet gravierende Folgen für die Qualität der Ausbildung. Folgenotwendig haben Eltern eine Petition für die Kita-Erhaltung gestartet und engagierte Erzieher*innen protestieren zu Recht. In all den genannten Zusammenhängen ist die geplante Schließung der vier Hamburger Praxisausbildungsstätten als eine massive Fehlentscheidung der Stadt Hamburg einzustufen, weil gerade die QUALITÄT der Elementarpädagogik einen außerordentlich hohen Wert für eine förderliche Entwicklung der Kinder besitzt und eine solche Entscheidung der Ausbildungsqualität den Boden entzieht.

Fachlich – und damit inhaltlich-sachlich betrachtet – ist eine solche Entscheidung nicht nachvollziehbar und kann auch mit keiner fachlichen-sachlichen Argumentation begründet werden.

Nicht nur in Hamburg, sondern auch in anderen Bundesländern (wie beispielsweise gerade auch in NRW, wo eine so genannte ‚Reform‘ des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) beschlossen werden soll, durch die die schon jetzt bestehenden strukturellen und personellen Qualitätsdefizite/-mängel noch massiver zum Tragen kommen), werden derzeit landespolitische Entscheidungen getroffen, die dem ‚Wohl der Kinder‘ sowie dem gesetzlich verankerten ‚Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsauftrag‘ massiv entgegenwirken, gleichzeitig werden die elementarpädagogischen Kräfte mit ihren berechtigten Qualitätsansprüchen nicht ernstgenommen und Eltern werden irritiert im Regen stehengelassen.

Wohlfeile Worte und inhaltlich vorgenommene Statements der politischen Mandatsträger gehen dabei deutlich an der Realität vorbei. Insofern ist die Entscheidung der Stadt Hamburg, die Ausbildung künftig stärker auf eine breite Kooperation mit externen Kitas zu setzen und die PAS vor diesem Hintergrund als überflüssig zu betrachten, ein niederschmetternder Schlag gegen QUALITÄT im Arbeitsfeld der Elementarpädagogik und zugleich ein fachliches Armutszeugnis der Stadt Hamburg. Es bleibt zu hoffen, dass Hamburg das Vorhaben umfänglich streicht.

Anja Cantzler: „Risiken für die Qualität der Ausbildung“

Diplom-Sozialpädagogin Anja Cantzler, Fachautorin für Frühkindliche Entwicklung und Bildung sowie Referentin in der Weiterbildung von Erzieher:innen

Aus meiner Perspektive als Weiterbildnerin, Coach und Supervisorin für Fachkräfte in Krippe, Kita und Kindertagespflege bewerte ich eine solche Umstellung grundsätzlich ambivalent

Entscheidend ist aus meiner Sicht weniger die Struktur an sich als vielmehr die Frage, wie verbindlich und ressourcengesichert die alternativen Modelle ausgestaltet sind.  

Ich arbeite seit vielen Jahren eng mit Fachkräften in Ausbildung und Praxis zusammen und bin dabei vor allem mit dem System in Nordrhein-Westfalen vertraut, wo es keine institutionell angebundenen Praxisausbildungsstätten gibt. Dort basiert die Ausbildung auf Kooperationen zwischen Fachschulen und einer Vielzahl externer Praxiseinrichtungen.  

Ein solches System kann grundsätzlich gut funktionieren und bietet auch Vorteile: Auszubildende lernen unterschiedliche Träger, pädagogische Konzepte und Sozialräume kennen, was fachlich bereichernd sein und die professionelle Flexibilität fördern kann.  

Gleichzeitig zeigt die Praxis in Nordrhein-Westfalen sehr deutlich, dass die Qualität der Ausbildung stark von der Verbindlichkeit der Rahmenbedingungen abhängt. 

Dort, wo Anleitung zeitlich abgesichert ist, Praxisanleiter:innen qualifiziert und entlastet werden und eine enge, strukturierte Kooperation zwischen Fachschule und Einrichtung besteht, gelingt die Verzahnung von Theorie und Praxis gut.  

In vielen Fällen ist dies jedoch nicht ausreichend gewährleistet. Anleitung erfolgt dann eher „nebenbei“, Zeitressourcen sind knapp, und der Austausch zwischen Schule und Praxis bleibt punktuell. Für Auszubildende bedeutet das häufig eine hohe Eigenverantwortung bei gleichzeitig begrenzter fachlicher Begleitung.  

Vor diesem Hintergrund würde ich den Abbau institutionell angebundener Praxisorte wie der PAS nicht als Modernisierungsschritt bewerten, sondern eher als eine strukturpolitische Verschiebung, die mit Risiken verbunden ist.  

PAS bieten aus meiner Sicht einen wichtigen Rahmen, in dem Anleitung verbindlich verankert ist, Ausbildung nicht im Alltag untergeht und die Theorie-Praxis-Verzahnung aktiv gestaltet werden kann.  Diese Qualität entsteht in einem dezentral organisierten Kooperationssystem nicht automatisch, sondern muss gezielt aufgebaut und dauerhaft abgesichert werden.  

Sollte Hamburg diesen Weg gehen, halte ich es daher für fachlich zentral, dass gleichwertige Strukturen geschaffen werden. Dazu zählen aus meiner Sicht insbesondere:  

  • klare und verbindliche Vorgaben für Anleitung einschließlich definierter Zeitkontingente,  
  • eine verpflichtende Qualifizierung und Entlastung von Praxisanleiter:innen,  
  • strukturierte und verbindliche Kooperationsformate zwischen Fachschulen und Praxiseinrichtungen,  
  • sowie eine systematische Qualitätssicherung.  

Ohne eine solche Absicherung besteht die Gefahr, dass sich die Verantwortung für Ausbildungsqualität zunehmend in die einzelnen Einrichtungen verlagert – mit entsprechend heterogenen Bedingungen für Auszubildende.  

Zusammenfassend lässt sich aus meiner Sicht sagen: Ein kooperatives, dezentrales Ausbildungssystem kann gut funktionieren – aber nicht „von selbst“. Der Wegfall institutionell angebundener Praxisorte ist nur dann fachlich gut zu vertreten, wenn die dadurch entstehenden Lücken strukturell, verbindlich und ausreichend finanziert geschlossen werden. Was sehr fraglich ist, dass das passieren wird.  

Andernfalls sehe ich Risiken für die Qualität der Ausbildung und mittelbar auch für die Qualität frühpädagogischer Praxis insgesamt.