Darum geht es

Die Praxisausbildungsstätten (PAS) sind keine „normalen“ Kitas. Sie sind Teil der Fachschulen für Sozialpädagogik in Altona, Barmbek, Harburg und Niendorf. Und so viel mehr. Die PAS sind Leuchttürme und Orte für Innovation. Für die sozialpädagogische Ausbildung in Hamburg.

Warum? Die PAS sind die Orte, an denen pädagogische Standards und neue Konzepte praktisch erprobt, reflektiert, gelehrt und weiterentwickelt werden. Das ist ihr institutionell verankerter Kernauftrag. Die PAS stärken die Qualität der Ausbildung der sozialpädagogischen Fachkräfte – und damit langfristig die Bildungsqualität für kommende Generationen. Neben der Betreuung der Kinder. Damit haben die PAS eine Doppelfunktion („Ausbildungs-Kita“). Und die ist einmalig in Hamburg. Und international als Qualitätsstandard anerkannt.

Diese Auswirkungen drohen

Wer die Doppelfunktion der PAS versteht, erkennt auch: Die Schließung der PAS betrifft nicht nur die einzelnen Einrichtungen. Sie verändert zentrale Strukturen der frühkindlichen Bildung und der sozialpädagogischen Ausbildung in Hamburg grundlegend.

1. Verlust verlässlicher Bildungsorte für Kinder

Mehr als 160 Kinder in den PAS verlieren ihre vertrauten Bezugspersonen, gewachsene Gruppen und eine qualitativ hochwertige Betreuung. Das ist kein Verwaltungsakt. Das ist ein Bruch.


2. Verlust einer verlässlichen Praxisstruktur in der Ausbildung

Fachleute aus Wissenschaft und Praxis warnen: Ohne die PAS verliert Hamburg die institutionelle Verzahnung zwischen Theorie und Praxis in der sozialpädagogischen Ausbildung. Und damit einen international anerkannten Qualitätsstandard frühkindlicher Bildung. Wir fragen: Wer soll zukünftig diesen so wichtigen Auftrag erfüllen?

Es ist nicht realistisch, dass reguläre Kitas die Doppelfunktion der PAS übernehmen können. Ihr Kernauftrag ist die Betreuung der Kinder. Denn reguläre Kitas haben nach dem Sozialgesetzbuch keinen expliziten Ausbildungsauftrag. Damit fehlen ihnen sowohl strukturellen Voraussetzungen als auch finanzielle Mittel. Schon heute hängt die Qualität der Ausbildung in den vielen Kitas vom Engagement einzelner Träger ab. Und deren wirtschaftlichen Bedingungen. Und dem Vorhandensein von Fachkräften. Guten Fachkräften, mit extra Zeit zur Anleitung und Reflektion.

„Wir bilden nur aus, weil wir dadurch mehr Hände haben. Hätten wir freien Träger einen guten Betreuungsschlüssel, würden wir deutlich weniger ausbilden.“ (J. S., ehemalige Leiterin eines freien Trägers)

Wer Ausbildung so stark auf freie Träger verlagert, geht ein Risiko ein. Es entsteht ein System, in dem Qualität und Umfang der Ausbildung sowie die Verbindung zu den Fachschulen vom wirtschaftlichen Erfolg einzelner Einrichtungen abhängen.


3. Verlust bildungspolitischer Gestaltungsmöglichkeiten

Die PAS sind institutionell mit den Fachschulen für Sozialpädagogik verzahnt. Sie sind Teil der Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung. Über die PAS kann Hamburg bildungspolitisch gestalten – etwa durch:

  • die Umsetzung bildungspolitischer Ziele,
  • das Erproben neuer pädagogischer Ansätze,
  • die Weiterentwicklung der sozialpädagogischen Ausbildung.

Ohne die PAS verliert die Politik diese wichtige Gestaltungsmöglichkeit. Andere Träger betreiben Kitas in eigener Verantwortung. Die Stadt kann ihnen nicht vorgeben, mit zusätzlichem Personaleinsatz neue pädagogische Konzepte, inhaltliche Schwerpunkte oder Ausbildungsformen zu erproben. Innovative Ansätze aus der Bildungsforschung brauchen jedoch Orte wie die PAS. An denen Ideen gezielt entwickelt, erprobt und anschließend über die Ausbildung in die Breite getragen werden können. Ohne die PAS verliert Hamburg dieses wichtige Instrument zur Qualitätsentwicklung.

Die Begründungen der Politik überzeugen nicht

Von Seiten der Hamburger Regierung (Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung) werden mehrere – teilweise widersprüchliche – Argumente genannt.

Noch am 18. November 2025 betont der Senat selbst den Beitrag der PAS zur Gewinnung sozialpädagogischer Fachkräfte und zur Qualität der Ausbildung (Drucksache 23/2157). Wir fragen: Welche Neuerungen hat das Ausbildungswesen in den regulären Kitas seither erfahren, dass die PAS plötzlich „nicht mehr zeitgemäß“ sein sollen?

Hier eine Übersicht der wichtigsten Argumente der Hamburger Regierung und den Antworten von uns, dem Aktionsbündnis PAS bleibt!:


Die Reform der Bildungspläne

Die zentrale Begründung der Hamburger Regierung für die geplante Schließung der PAS ist die Reform der Bildungspläne. Die Praxis der angehenden Fachkräfte soll künftig „in vielen Kitas“ stattfinden.

Fakt ist: Die neuen Bildungspläne verlangen eine stärkere Verzahnung von Theorie und Praxis. Genau dafür wurden die PAS geschaffen. Diese Verzahnung wird von den PAS institutionell gesichert und täglich umgesetzt für ganz Hamburg. Und nein – reguläre Kitas können das nicht leisten.

Bei den PAS geht es nicht um Quantität, sondern um Qualität. Die Ausbildung der meisten der pro Jahr rund 1300 angehenden Fachkräfte findet bereits heute in regulären Kitas statt – allerdings unter anderen Bedingungen. Denn diese haben eben keinen expliziten Ausbildungsauftrag nach dem Sozialgesetzbuch. Und folglich weder Strukturen noch Gelder.

Wenn Praxis für angehende sozialpädagogische Fachkräfte weiterhin in vielen Kitas stattfinden soll, braucht es umso mehr verlässliche Orte, an denen Ausbildungsqualität gesichert wird. Leuchttürme der Ausbildung. Orte für Innovation. Dafür stehen die PAS.


„Was die PAS leisten, können auch andere Kitas.“

Fakt ist: Nein, das können reguläre Kitas nicht. Das ist nicht ihr Kernauftrag. Die PAS erfüllen eine einzigartige Doppelfunktion in Hamburg: Sie sind wichtiger Bestandteil der Qualitätssicherung der sozialpädagogischen Ausbildung. Neben der Betreuung der Kinder.

Beispiele für diese besondere Verzahnung zwischen Theorie und Praxis:

  • Die angehenden Fachkräfte (also die Schüler:innen der Fachschulen) sammeln in den PAS umfassende Praxiserfahrung – etwa in den Bereichen Partizipation. Oder Kinderschutz. Und Inklusion. Ganze Schulklassen lernen dort. Und zwar unter qualitätsgesicherter Anleitung, an einem Ort mit hohen pädagogischen Standards. Die angehenden Fachkräfte tragen diese Erfahrungen weiter. Als Multiplikator:innen an die Fachschulen. Und in andere Kitas, in denen sie später arbeiten.
  • DieLeiter:innen der PAS sind zugleich Lehrkräfte an den Fachschulen. Dadurch erreichen sie sowohl angehenden Fachkräfte als auch Lehrer:innen der Ausbildung. Mehr institutionelle Verzahnung geht nicht.
  • Praxiserprobte Ansätze aus den PAS fließen unmittelbar in die Weiterentwicklung von Bildungsplänen und Ausbildungsstandards ein.


„Die PAS sind teuer.“

Fakt ist: Alle vier PAS kosten zusammen rund 3,3 Millionen Euro pro Jahr (Drucksache 23/2944). Das sind etwa 0,015 % des Hamburger Landeshaushalts. Davon sind

  • 2,3 Mio. € Personalkosten
  • 800.000 € Mietkosten
  • 200.000 € Sachkosten

Die Personal- und Mietkosten bleiben auch zukünftig im Haushalt der Stadt Hamburg. Real eingespart würden also mit Blick auf den Gesamthaushalt nur etwa 200.000 € pro Jahr. Aber auch diese Summe ist noch zu hoch, da u.a. durch die Elternbeiträge der Kinder in den PAS wiederrum Einnahmen auf Seiten der Stadt Hamburg erzielt werden.

Das Einsparpotenzial ist minimal. Die strukturellen Schäden wären erheblich – und angesichts der Auswirkungen nicht verhältnismäßig. Und nicht zu verantworten.


„Die PAS sind nicht ausgelastet.“

Fakt ist: Drei der vier Standorte sind voll ausgelastet, verzeichnen eine stabile bis hohe Nachfrage und führen Wartelisten. Beim vierten Standort wurde aufgrund von Personalmangel in Abstimmung mit dem Träger (Hamburger Institut für Berufliche Bildung) zeitweise die Kinderzahl reduziert. Inzwischen seht wieder Personal zur Verfügung, so dass die Belegung wieder steigen kann.


„Die PAS haben bauliche Mängel.“

Fakt ist: Zwei Standorte haben laut Hamburger Senat keine baulichen Mängel (Drucksache 23/2936). Versäumte Sanierungen bei den anderen beiden Standorten sind kein Argument gegen das Modell. Wenn Gebäude über Jahre nicht ausreichend instandgehalten werden, entsteht kein Sachzwang – sondern ein verwaltungsseitig verursachter Investitionsstau. Ein solcher Investitionsstau rechtfertigt nicht die Abschaffung einer zentralen Struktur der sozialpädagogischen Ausbildung in Hamburg.


„Freie Träger haben Vorrang.“

Fakt ist: Das Hamburgische Oberverwaltungsgericht (OVG) stellt klar: Der Vorrang freier Träger bedeutet nicht, dass bestehende öffentliche Angebote geschlossen werden müssen. Es besteht kein gesetzlicher Schließungszwang!


„Die Schließung der PAS beruht auf einer umfassenden Analyse.“

Fakt ist: Eine solche liegt bis heute nicht öffentlich vor – weder für Betroffene noch für die Öffentlichkeit.


Die entscheidende Frage

Nach bisherigem Kenntnisstand sind die finanziellen Einsparungen minimal. Die Auswirkungen auf Kinder und Familien, auf die Ausbildung angehender sozialpädagogischer Fachkräfte und die Bildungsqualität in Hamburg wären jedoch erheblich.

Gleichzeitig haben Behörde und Senat die Entscheidungsgrundlagen und Evaluationen – falls denn vorhanden – bisher nicht transparent gemacht.

Eine Entscheidung dieser Tragweite muss fachlich belastbar, transparent und verhältnismäßig sein. Gerade im Bildungsbereich.

Die entscheidende Frage lautet daher: Will Hamburg wirklich eine funktionierende Ausbildungsstruktur nach internationalen Qualitätsstandards abbauen – für eine minimale Haushaltsentlastung und ungewisse Folgekosten?